"Ein lauter Jubelruf erschallt! Dir, Liebe, Dank, doch dir, Musik, sei Preis ..."

Francke-Blätter 2/1995, S. 34 - 42, Dorothea Köhler

Die Geschichte des Stadtsingechores in dem Zeitraum von 1968 bis 1990 - das sind so viele Begebenheiten, Erlebnisse und Faktoren, daß sie mit einem Griff nicht unter ein Dach zu bringen sind, d.h. sie passen nicht unter ein sehr kleines, gerades, sondern nur unter ein weit ausladendes, geschwungenes, denn das musikalische Gebäude explodierte im Laufe der genannten Zeit geradezu.

 

Das "Haus" bekam sehr viele Etagen, Anbauten und Erker. Ich werde wieder (oder noch) einmal in Gedanken die Chronik durchblättern und Sie mitnehmen auf einen (hoffentlich interessanten) Gang durch das vielstöckige Haus. Und um im Bild zu bleiben: Ich möchte Sie mit dem heutigen Beitrag zuerst durch die "Händel - Etage" führen. Kurz nach meinem Dienstantritt als Chordirektor verkündete ich beim 1. Elternabend des Schuljahres, daß wir uns u.a. vorgenommen hätten, an den Händelfestspielen teilzunehmen. " .... also kam für uns nur in Frage, die Aufführung händelscher Musik als zukünftiges Markenzeichen wieder anzustreben: der "Messias" wurde das Zauberwort für mich und den Chor ... " (vgl. Artikel: Der Stadtsingechor, Teil 5)

 

"Ein lauter Jubelruf erschallt im Kreis!", sangen die Knaben und Männer des Stadtsingechores im 10. Jahr unserer zähen und - ich sage es mit Stolz - erfolgreichen Händelarbeit bei der ersten Aufführung des "Alexanderfestes" in der Aula der Universität (mit den Solisten Regina Werner, Christian Vogel, Günther Leib und der Halleschen Philharmonie). Aber der Weg bis dahin war für die Sänger und auch für mich hart.

 

Die erste erreichte Station bestand 1970 (19. Händelfestspiele) in der Mitgestaltung der Feierstunde am Händeldenkmal mit dem von uns auch später gern und oft in a cappella Konzerten und zu Feierstunden aufgeführten Chor "From scourging rebellion" des Meisters. Das sich anschließende Jugendkonzert bestritten wir gemeinsam mit Schülern der Musikschulen Halle (Programm: a cappella / Alte Meister, Felix Mendelssohn-Bartholdy u.a.). Beim Abschlußkonzert der 20. Händelfestspiele (1971) gehörte der Stadtsingechor zum großen Ensemble der Sänger hallescher Chöre, die sich in der Eissporthalle zum Schlußchor aus der "Friedensode" vereinigten: "Vereinter Völker Stimm' erschall…"

 

In den folgenden Jahren wurden die Knaben und Männer immer wieder zu den großen Chorkonzerten hinzugezogen. Dabei lernten sie Ausschnitte aus vielen Oratorien kennen, natürlich auch das "Halleluja", das bereits nicht mehr wegzudenken war aus den immer beliebter werdenden großen Eröffnungs- oder Abschlußkonzerten. Hier hatten wir auch das Klangerlebnis "Orchester", denn das stand uns ja sonst noch selten zur Verfügung.

 

Trotz des schönen Erlebnisses in jedem Jahr machten wir uns allerdings auch bald um dieses Singen Gedanken, denn es mußte im Vorfeld immer ein großer Aufwand getrieben werden um die Proben mit mehreren hundert Sängern, 600 waren keine Seltenheit! , und die künstlerische Qualität der Aufführungen war nicht immer absolut zufriedenstellend. Wir waren einerseits unterdessen selber nicht mehr ganz unerfahren, denn die Aufführung von Werken wie Orffs "Carmina burana" (mit der Robert-Franz-Singakademie unter Hartmut Haenchen), von Bach-Kantaten und die Uraufführung neuer Chormusik u.a von Gerd Domhardt, sowie von a-cappella-Werken aller Jahrhunderte zeugten nicht nur von gewachsener Qualität des Chores, sondern auch von Ansprüchen. Und andererseits war mein künstlerischer Chef in der Philharmonie, Olaf Koch, der uns ohnehin immer - vorsichtig ausgedrückt - sehr scharf "rannahm" , unterdessen auch noch mein Lehrer geworden (ich hatte an der Hochschule für Musik in Leipzig ein Dirigentenstudium begonnen). Er zeigte mir, wie man sich die herrlichen Werke der Tonkunst erarbeitet und lehrte mich das "Handwerk" des Orchesterdirigierens. Nun schien es bald so weit zu sein, sich auf eigene Händel-Füße zu wagen, zumal auch mit der Zugehörigkeit zur Halleschen Philharmonie die Möglichkeit geschaffen war, ein Orchester zur Verfügung zu haben. Schütz-Motetten und sogar Bachs Motette "Jesu, meine Freude" hatten wir schon gesungen. Nun wollten wir auch versuchen, Händels oratorische Werke allein aufzuführen. Das hieß, sich um eine Mitwirkung bei den Händelfestspielen zu bewerben und damit auf internationalem Festspielterrain um Akzeptanz zu kämpfen. Es hatte uns viel zu lange gedauert. Aber im Nachhinein bin ich froh darüber, daß die Schule hart war, denn die Anforderungen, die eine Oratorienaufführung an Chor und Dirigenten stellt, lernten wir bald zur Genüge kennen!

 

Zu den 26. Händelfestspielen, am 24.06.1977, sang der Stadtsingechor sein erstes Händelwerk, das "Utrechter Jubilate", und ich stand zum ersten Mal am Pult der Halleschen Philharmonie. Gisela Burkhardt, Käthe Röschke, Stephan Spiewok, Heiner Vogt, Werner Hasselmann und Jürgel Trekel als Solisten und "meine Jungs" sangen (und drückten mir die Daumen) - ich dirigerte nämlich mein Examenskonzert mit Werken von Scheidt, Zachow, Wilhelm Friedemann Bach und Händel.

Nun schien die Bahn ebener zu sein für Händel-Aufführungen in Philharmoniekonzerten, zu den Festspielen und bald auch darüberhinaus. Im nächsten Jahr vereinigten sich die beiden philharmonischen Chöre zur Aufführung des Oratoriums "Alexander Balus" unter Leitung von Olaf Koch, und dann war es endlich soweit! Nachdem wir uns in einer Voraufführung vorgestellt hatten, wies das Programm der 28. Händelfestspiele am 11.06.1979 das "Alexanderfest" aus.

 

Bei dieser Aufführung wurde das Werk noch in deutscher Sprache gesungen. Mit dieser Bemerkung möchte ich auf einen sehr wichtigen Aspekt für unsere Händelaufführungen hinweisen. Mir zur Seite standen in all den Jahren meiner Arbeit mit Händels Musik Praktiker und Wissenschaftler, die mich jeweils in aufführungspraktischen und wissenschaftlichen Fragen berieten, allen voran Inge Schneider, Prof. Walther Siegmund-Schultze und Prof. Bernd Baselt. Besonders schlug die Unterstützung von Prof. Werner Rackwitz zu Buche. Er war nicht nur federführend bei der Auswahl geeigneter Werke für uns, bereitete Sänger, auch oft deren Eltern, mit Einführungsvorträgen gründlich auf die Werke vor und wurde später auch der Vorsitzende eines Wissenschaftlich-künstlerischen Beirates des Stadtsingechores, sondern gab uns in seinem Hause - er war damals Intendant der Komischen Oper Berlin - die Chance, als Knabenchor mit Händel in die Hauptstadt vorzudringen.

 

Und was heißt "geeignete" Werke? Nicht jedes Oratorium ist für einen Knabenchor geschrieben worden, also sollte man die "richtigen" und machbaren wählen. Die Auswahl war groß, und einige führten wir viele Male auf. Nachdem wir beim 1981 erstmalig auf Initiative des Stadtsingechores in Halle stattfindenen Knabenchorfestivals das "Alexanderfest" wiederaufgeführt hatten, sahen die 31. Händelfestspiele 1982 für uns die Aufführung der sogenannten "Brockes-Passion" vor. Dieses Konzert sollte enorme Auswirkungen haben!

Im Jahr 1982 hatten wir mehrfach philharmonische Konzerte auch mit Händel-Werken. Und dann sollten wir um eine Erfahrung reicher werden - in dem Fall betraf es zunächst erst einmal überwiegend mich - wir musizierten erstmalig mit Camerata musica Berlin ("Foundling Hospital Anthem"). Dieses exzellente Kammerorchester wurde für uns von da an ein kritischer, aber kollegialer und faszinierender Begleiter.

 

Mut haben, eindringen in die Sphäre der "großen" Knabenchöre!, sagte ich mir. Musikalische Erfolge waren schon aufzuzählen und einen zahlenmäßig stattlichen Chor von über 100 Sängern hatten wir unterdessen auch längst. Und in dem uns eigenen Stil führten wir, dann schon mit Originalaufzeichnung des Fernsehens der DDR, bei den 32. Händelfestspielen 1983 folgendes Programm auf: Choräle der Lutherzeit, die Bach-Kantate "Ein feste Burg ist unser Gott" und das Funeral Anthem "The Ways of Zion do mourn".

 

Ab dieser Zeit sangen wir alle Werke auch in der Originalsprache. Und nachdem ich unsere englische Aussprache zunächst von Nicholas McGegan (!) hatte kontrollieren lassen, begann bald die Zusammenarbeit mit Dr. Leonhard Jones, der uns als Sprachberater betreute und dem ich ganz besonders danken möchte. Hilfe und Unterstützung erhielten wir also von vielen Seiten, auch aus den USA, denn es gab z.B. nicht alle Noten schon in der Neuen Händel-Ausgabe. Der englische Dirigent Nicholas McGegan hatte mir auch meine - so häufig gebrauchte - Partitur zum Foundling Hospital Anthem geschenkt, verlangte aber nun auch bald Tribut dafür! Und das war im Jahr 1985!

Glücklich, wer solch ein Jubiläumsjahr erleben kann: Bach, Händel und Schütz feierten ihre 300. bzw. 400. Geburtstage! Zu besonderem Jubel waren da wohl die Knabenchöre berechtigt. Drei Meister, drei Städte, drei Chöre - wir wagten es, uns "dazu" zu zählen, auch wenn unser Meister in Halle nicht für den Stadtsingechor geschrieben hatte ... Die 34. Händelfestspiele fanden schon im Februar statt, und so führten wir am 22.02.1985 "Esther" (I. Fassung) auf. Über die Aufführung dieses Oratoriums in Berlin freuten wir uns über die umseitige Kritik.

Bei der Bach-Ehrung im März in Köthen ließen wir auch unseren Händel hochleben (Schütz-Motetten, Bach-Kantate und Händel-Anthem).

 

Darf ich den Leser bitten, noch einmal zum Jahr 1982 zurückzublicken! Die "Brockes-Passion" sollte bei der ungarischen Plattenfirma HUNGAROTON produziert werden, und András Székely, langjähriges Mitglied der Händelgesellschaft und Aufnahmeleiter bei Hungaroton, hatte dem Dirigenten Nicholas McGegan den Stadtsingechor empfohlen. Damit begann wieder eine neue Etappe unserer Arbeit. In Budapest besprachen wir die Konzeption des Werkes. McGegan und ich kannten uns schon länger, denn ich wohnte mehrfach seiner Probenarbeit für Einspielungen mit Händelwerken in Budapest und Szombathely bei. Er kam nach Halle, überzeugte sich von Klang und Leistung des Chores und – wünschte sich 28 Sänger für die Produktion.

Wieder wurden wir um Erfahrungen reicher. Hier war ein Kammerchor gefordert, der die gewünschte Klangqualität bietet. Historische Aufführungspraxis begegnete uns intensiver als bisher, denn die Capella Savaria (Leitung: Pál Németh) musizierte auf historischen Instrumenten, das bedeutete auch, daß (bisher den Knaben unbekannt) in tiefer Stimmung musiziert wurde. Der Kammerchor war bald gebildet, und der jüngste Sänger der Auswahlmannschaft, André Cierpinski, hatte gerade die 3. Klasse beendet. (Er gehörte zur "Reserve" und mußte am Tag des Abfluges schnell geholt werden!) Kurz gesagt: Im August 1985 erlebten wir unser erstes Auslandsgastspiel - unseren ersten gemeinsamen Flug und einmalige Proben-, Konzerterlebnisse und Tonaufnahmen in Szombathely. Die Plattenpräsentation erfolgte im September 1986 in einem Konzert in Budapest und eine hallesche Tageszeitung schrieb darüber die nebenstehende Meldung.

Und das Jahr 1985 sollte weitere Überraschungen bringen: Am 1. Oktober 1985, am Weltmusiktag, wurden Schütz, Bach und Händel in einem Konzert im Schauspielhaus Berlin geehrt. Kreuzchor, Thomanerchor und Stadtsingechor sangen in einem gemeinsamen Konzert, jeder die Musik seines Meisters. Der Stadtsingechor eröffnete den Reigen mit dem "Foundling Hospital Anthem". Mit Camerata musica zur Seite und den Solisten Michael Rabsilber und Jochen Kowalski, der mit unseren Knabensolisten im Duett sang, war das Konzert trotz des "Konkurrenzstresses" ein unvergeßliches Erlebnis.

Der Stadtsingechor Halle unter Leitung von Dorothea Köhler

zu Gast im Schauspielhaus Berlin am Weltmusiktag 1985

Wieder war eine Tür für den Stadtsingechor aufgegangen. Von diesem Konzert an (das Publikum hatte Bravo gerufen!) wurde unser Name öfter genannt, schon mit Händel in Verbindung gebracht und wir bekamen das Angebot, regelmäßig im Schauspielhaus zu singen. Und so wurde es auch. In Berlin hatten wir ein Publikum für "unseren Händel" gefunden. Stellvertretend für Konzerte seien genannt: "Tage der Chorsinfonik" im Jubiläumsjahr Berlins 1987, im Juni 1988 mit dem Kammerorchester der Halleschen Philharmonie "Magnificat" von C.Ph.E. Bach und "The Choice of Hercules" von G.F. Händel, im Juli 1989 mit Camerata musica die Wiederholung einer Händelfest-Produktion mit dem großen Aufführungszyklus von "Alexander 's Feast or The Power of Musick".

Es schien, als ob seit diesem Konzert vom 1. Oktober 1985 vieles schneller ging. Basis war, daß die Knaben und Männer zu wirklich guten Leistungen in der Lage waren, daß alle Musik dadurch immer mehr Spaß machte. Unsere musikalische Arbeit bestand ja nicht nur aus Händels Werken, auch wenn heute hier lange die Rede von "ihm" war. "Er" sollte das Zentrum werden und auch sein. Viele seiner Werke konnten wir erarbeiten und aufführen. Mit großartigen Orchestern und Solisten wie Dagmar Schellenberger, Jochen Kowalski, Maria Zadori, Axel Köhler, Guy de Mey und Martin Klietmann, um wenigstens einige zu nennen, immer wieder zu arbeiten, war Freude und Lob.

 

Ein Konzert mit besonderer Note war unser Beitrag zu den 36. Händelfestspielen 1987. Das Programm war neben Händel besonders Samuel Scheidt (1587 geboren / Chordirektor des Stadtsingechores) gewidmet. Hans Grüß musizierte mit Stadtsingechor, vielen Solisten - auch Chorsolisten - und der Capella Fidicinia Leipzig vielchörige geistliche Konzerte des hallenser Komponisten.

Als der Thomanerchor 1987 seine 775-Jahrfeier begehen konnte, waren wir Gratulanten in der Thomaskirche. Und an der Stelle dirigieren zu dürfen, von der Johann Sebastian Bach seine Thomaner leitete, war mein schönstes Erlebnis in meiner Dirigententätigkeit.

Im September 1989 nahm uns ETERNA (nach bereits 3 Produktionen für HUNGAROTON mit Chor und Chorsolisten ) unter Vertrag für die erste eigene Einspielung mit Werken von Scheidt, Zachow und Händel. Und 1990 saßen wir wieder einmal in einem Flugzeug, um gemeinsam mit dem Kammerorchester der Halleschen Philharmonie auf Sizilien Händels schöne Werke zu musizieren. Dann schien mir der Chor in puncto Qualität so weit, sich an die Interpretation des "Messias" (das "Zauberwort") zu wagen. Ich habe ihn einstudiert, konnte ihn aber nicht mehr aufführen. Stephen Simon, USA, übernahm dann kurzfristig das Dirigat.

 

Dorothea Köhler

 

PS: Nach Information durch die Plattenfirma BERLIN Classics erscheint im Sommer des Jahres 1995 die 1989 produzierte CD mit Werken von Scheidt, Zachow und Händel.

Händelkonzert des Stadtsingechores im Hof des Händelhauses